2004: Konzeptvorlage für eine bundesweite Dokumentationsstelle

Der Wunsch nach bundesweiter Dokumentation antischwuler Gewalt zieht sich durch die Geschichte des SÜT Köln. Hier ein Dokument aus dem Jahr 2004: Konzeptvorlage zur Einrichtung einer bundesweiten Dokumentationsstelle antihomosexueller Gewalt

Nach wie vor bleibt es bei einem regional recht unterschiedlich ausgeprägten Flickenteppich an Informationen über das konkrete Ausmaß von Gewalt gegen LGBTI, für Köln etwa die jährlichen Antigewalt-Berichte des SÜT.

 

September 1992: Aus Mai wird Oktober

In einer Pressemitteilung vom 18. September 1992 wird das SÜT erneut angekündigt sowie ein Antidiskriminierungsgesetz gefordert:

Ab 1. Oktober wird der Nordrhein-westfälische Schwulenverband (SVD-NRW) mit der Einrichtung eines Überfalltelefons (unter der Rufnummer 0221 – 19228) seine Aktivitäten zur Bekämpfung antischwuler Gewalt verstärken.
(…)
Nach neuesten soziologischen Untersuchungen über Einstellungen zur Homosexualität in der Bevölkerung befürworten über ein Drittel der Befragten repressive staatliche Maßnahme gegen Homosexuelle. 15 % bekennen sich als Schwulenhasser, die ein strafrechtliches Verbot der Homosexualität und sogar die Kastration der Schwulen fordern. Das ist der Nährboden, auf dem die Gewalt wächst.

Angesichts allgemein zunehmender Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft müssen Staat und Polititk schwulenfeindliche Einstellungen aktiv bekämpfen. Der Schwulenverband in Deutschland (SVD) fordert die Einführung von Antidiskriminierungsgesetze für Schwule und Lesben im Bund und auf Landesebene, wie diese bereits in einigen europäischen Nachbarländern existieren.

März 1992: Ein „Gewalttelefon“ als Baustein des Kölner Modells

Pressemitteilung des SVD (aus dem später der LSVD wurde) vom März 1992:

Wir gehen davon aus, daß ca. 25 % der schwulen Männer wegen ihrer Homosexualität bereits mindestens einmal Opfer von Gewalttätern wurden. Das Ausmaß der Gewalt gegen Schwule ist auch in Köln erschreckend. Nicht nur an Schwulentreffpunkten oder vor schwulen Kneipen kommt es zu brutalen Überfällen. Auch auf offener Straße oder in der U-Bahn werden Männerpaare immer wieder angepöbelt und zusammengeschlagen. Gezielt gegen Schwule gerichtete Gewalt umfaßt auch Raubüberfälle und Erpressung, mitunter sogar Totschlag und Mord.

Diese Gewalt wurde lange Zeit von Gesellschaft und Behörden kaum beachtet. „Schwulenklatschen“ zählte als Kavaliersdelikt. Über das gesamte Ausmaß der Gewalt in Nordrhein-Westfalen und speziell Köln gibt es bislang keine genauen Daten. Aus Angst vor Diskriminierung und aus Scham bewahren die Opfer meist Schweigen. Rund 90 % der antischwulen Gewalttaten werden nicht angezeigt.

Vor zwei Jahren wurde in Köln begonnen, durch gemeinsame Gesprächsrunden ein besseres Klima zwischen Polizei und Schwulen zu schaffen. Dieser Weg wird mittlerweile als modellhaft für Nordrhein-Westfalen angesehen.

Im Mai wird vom Schwulenverband in Köln ein Gewalttelefon installiert, wo Opfer antischwuler Gewalttaten Rat und Hilfe erhalten. Die damit verknüpfte – selbstverständlich anonyme – Dokumentation wird auch genauere Anhaltspunkte über das Ausmaß antischwuler Gewalt liefern.

Nötig sind aber auch weitere vertrauensbildende Maßnahmen von Seiten der Polizei. Wir fordern nach Berliner Vorbild die Einrichtung eines Schwulenbeauftragen im Polizeipräsidium. Zum Abbau von Vorurteilen und zum besseren Verständnis schwuler Lebensweise soll die Themen antischwule Gewalt und Homosexualität in die Fortbildungsangebote für Polizisten aufgenommen werden.

Das SÜT Köln wird zwanzig

1992 entstand das Schwule Überfalltelefon Köln im Rahmen der Präventionszusammenarbeit des Schwulenverbandes NRW und der Kölner Polizei. Nach dem 1990 entstandenen Berliner MANEO war es das zweite SÜT in Deutschland.

Seitdem ist viel passiert. Daran wird unsere kleine Reihe 20 Jahre SÜT in den kommenden Monaten immer wieder erinnern.

Erkenntnisreiche Lektüre – sowie natürlich ein wunderbares 2012 – wünscht das SÜT-Team :-)