März 1992: Ein „Gewalttelefon“ als Baustein des Kölner Modells

Pressemitteilung des SVD (aus dem später der LSVD wurde) vom März 1992:

Wir gehen davon aus, daß ca. 25 % der schwulen Männer wegen ihrer Homosexualität bereits mindestens einmal Opfer von Gewalttätern wurden. Das Ausmaß der Gewalt gegen Schwule ist auch in Köln erschreckend. Nicht nur an Schwulentreffpunkten oder vor schwulen Kneipen kommt es zu brutalen Überfällen. Auch auf offener Straße oder in der U-Bahn werden Männerpaare immer wieder angepöbelt und zusammengeschlagen. Gezielt gegen Schwule gerichtete Gewalt umfaßt auch Raubüberfälle und Erpressung, mitunter sogar Totschlag und Mord.

Diese Gewalt wurde lange Zeit von Gesellschaft und Behörden kaum beachtet. „Schwulenklatschen“ zählte als Kavaliersdelikt. Über das gesamte Ausmaß der Gewalt in Nordrhein-Westfalen und speziell Köln gibt es bislang keine genauen Daten. Aus Angst vor Diskriminierung und aus Scham bewahren die Opfer meist Schweigen. Rund 90 % der antischwulen Gewalttaten werden nicht angezeigt.

Vor zwei Jahren wurde in Köln begonnen, durch gemeinsame Gesprächsrunden ein besseres Klima zwischen Polizei und Schwulen zu schaffen. Dieser Weg wird mittlerweile als modellhaft für Nordrhein-Westfalen angesehen.

Im Mai wird vom Schwulenverband in Köln ein Gewalttelefon installiert, wo Opfer antischwuler Gewalttaten Rat und Hilfe erhalten. Die damit verknüpfte – selbstverständlich anonyme – Dokumentation wird auch genauere Anhaltspunkte über das Ausmaß antischwuler Gewalt liefern.

Nötig sind aber auch weitere vertrauensbildende Maßnahmen von Seiten der Polizei. Wir fordern nach Berliner Vorbild die Einrichtung eines Schwulenbeauftragen im Polizeipräsidium. Zum Abbau von Vorurteilen und zum besseren Verständnis schwuler Lebensweise soll die Themen antischwule Gewalt und Homosexualität in die Fortbildungsangebote für Polizisten aufgenommen werden.

Advertisements