Die SÜT-Kartei

Köln, den 06.05.1997

Schwules Überfalltelefon Köln: Bitte melde Dich!

Das Schwule Überfalltelefon Köln ruft Ärzte, Rechtsanwälte, Therapeuten und Psychologen auf, sich in seine Datei aufnehmen zu lassen. Es ist auch für Hinweise dankbar, wenn jemand mit schwulen oder schwulenfreundlichen Personen aus diesen Gruppen positive Erfahrungen gemacht hat.

Das Schwule Überfalltelefon Köln des Schwulenverbandes in Deutschland (SVD) versucht zur Aktualisierung seiner Datei regelmäßig Namen und Adressen von Personen, Personengruppen und Institutionen zu erhalten, die im Bereich der Opferhilfe als Ansprechpartner dienen könnten.
Um einen größeren Adressatenkreis zu erreichen, wenden wir uns jetzt auch auf diesem Weg an interessierte Personen.
Das Schwule Überfalltelefon Köln berät Personen, die Opfer einer antischwulen Gewalttat geworden sind – kostenfrei und auf Wunsch anonym. Wir bieten Entlastungsgespräche, telefonische und persönliche Beratung, Hilfe bei der Verarbeitung der Gewalterfahrung und der Wiederherstellung des Sicherheitsgefühls.
Wir informieren über Ansprechpartner bei der Polizei, über Möglichkeiten einer Anzeige, begleiten auf Wunsch zu Polizei und Behörden und dokumentieren das Ausmaß von Gewalt gegen Schwule.

Interessierte wenden sich bitte an das Schwule Überfalltelefon Köln unter Tel. (0221) 19 228, um dort in die Datei aufgenommen zu werden bzw. zu klären, ob sie dort bereits geführt werden.

Bei Bedarf gibt das Schwule Überfalltelefon Köln diese Informationen an Opfer antischwuler Gewalttaten weiter.

Grade in einem alten Ordner entdeckt, diese Briefvorlage von 1997 – eigentlich immer noch aktuell. Nur dass der SVD jetzt LSVD heißt und es längst nicht mehr nur um Gewalttaten gegen Schwule geht.

Also, Ärzt_innen, Rechtsanwält_innen, Therapeut_innen und Psycholog_innen, und gerne auch Mediator_innen (an die hat man 1997 noch nicht gedacht), mit Einblick in und Verständnis für queere Lebenswelten, schreibt uns! :-)

Antigewalt-Bericht 2011

Das Schwule Überfalltelefon Köln 19228 berät Opfer und Zeugen antischwuler Gewalt, bietet konkrete Hilfe für Opfer antischwuler Gewalt auch über Köln hinaus und dokumentiert – zumindest exemplarisch – das Ausmaß von Gewalt gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Trans* (LSBT).

Der extreme personelle Engpass hat sich etwas geweitet, wir konnten 2011 eine engagierte Mitarbeiterin gewinnen.

Mehr im Antigewalt-Bericht 2011.

Rückblick auf mehr als zwanzig Jahre

Ralf Syben, einer der Gründer des SÜT Köln, erinnert sich:

Meine Mitarbeit  beim SÜT-Köln begann schon einige Jahre früher. Im Jahr 1990 war ich Sprecher der SCHWUSOS in Köln und es gabe einige Morde und Gewalttaten an Schwulen in Köln und die Polizei suchte die Täter wie immer im Milieu. Dass dies Hassverbrechen sein könnten, kam der Polizei nicht in den Sinn. Also schrieb ich, als Sprecher der Kölner SCHWUSOS eine Pressemitteilung unter dem Titel „Wie viele Schwule müssen noch sterben?“. Diese Pressemitteilung wurde zwar nie veröffentlicht, veranlasste aber die Kölner Polizei das Gespräch mit den Kölner Lesben und Schwulen zu suchen. Es fand dann im SCH.UL.Z., in der Bismarckstraße 17 eine erste, sehr emotionale Diskussionsrunde mit der Kölner Mordkommission statt. Daraus entwickelte sich mit den Jahren eine Zusammenarbeit mit der Kölner Polizei und dem LKA NRW.

Die Zustimmung in der Kölner Szene war zuerst sehr zurückhaltend, man misstraute der Polizei aus den Erfahrungen früherer Jahre. Gewalttaten gegen Schwule und Lesben wurden nicht ernst genommen und auch nicht gesondert erfasst, wenn sie überhaupt angezeigt wurden.

Besondere Erfolge gab es einige. Da war zu einem die Förderung des Anti-Gewalt-Projektes durch die Landesregierung NRW, die vieles möglich machte. Die gute Zusammenarbeit mit dem Info Center der Kölner Polizei, damals noch unter dem Polizei-präsidenten Jürgen Roters. Die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft schwuler und lesbischer Polizeibeamten/innen. Die Entwicklung des Slogans „Mann ruf an – 19228“ und die Kooperation mit dem LKA-NRW, deren Resultat die Plakat-Kampagne „Liebe Verdient Respekt“ war, sowie die Schaffung des „Info-Mobils des LKA-NRW“.

Das SÜT-Köln und der SVD (heute LSVD) waren der Motor einer bundesweiten Anti-Gewalt-Arbeit, die in der Zusammenarbeit mit mehreren Projekten (Mann-O-Meter in Berlin z.B.) mündeten und auch in der der Opferbetreuung neue Kontakte brachte. Die Einrichtung einiger Überfalltelefone unter der bundesweiten Rufnummer 19228 war auch ein großer Erfolg.

Volker Beck und Günter Dworek lernte ich 1990 kennen, als sie den SVD-NRW als ersten westlichen Landesverband ins Leben riefen. Sie suchten damals Mitstreiter und so wurde ich Landessprecher des SVD-NRW, mit dem Schwerpunktthema „Anti-Gewalt-Projekt“. Dies blieb ich bis Ende 1997, als klar wurde, das ich Deutschland verlassen werde. Gerne erinnere ich mich an die fruchtbare Zusammenarbeit und manche turbulente Vorstands-sitzungen oder die ergebnisreichen Klausurwochenenden. Wir haben es Volker Beck und Günther Dworek und deren unermüdlichen Einsatzes zu verdanken, dass Anti-Gewalt-Arbeit durch die Politik gefördert wurde. In diesem Zusammenhang ist auch Jaques Teyssier nicht zu vergessen, dessen Tod mich sehr getroffen hat.

Auch im Jahre 2012 ist eine Beratungsstelle für Opfer antischwuler Gewalt wichtiger denn je. Gerade in der heutigen Zeit haben Anfeindungen gegen Lesben und Schwule wieder zugenommen. Deutschland ist von der Gleichberechtigung von Lesben und Schwuler noch sehr weit entfernt und die Aufklärungsarbeit muss nicht nur in Schulen und Jugendeinrichtungen getragen werden, sondern auch in die Szene. Wir waren damals in schwulen Saunen, um die Opfer zu Anzeigen zu bewegen, was leider nicht immer von Erfolg gekrönt war.

Nun wünsche ich den Überfalltelefonen für die nächsten 20 Jahre alles Gute.

Ralf Syben
Maspalomas/Gran Canaria Januar 2012