Offener Brief gegen rassistische Stereotype

Noch vor der Neuanmeldung der CSD-Parade hat Almut Dietrich, die Landeskoordinatorin der Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule in Nordrhein-Westfalen, einen Offenen Brief zu den Diskussionen um den diesjährigen Kölner CSD geschrieben. Auf phenomenelle.de erschien er im Internet. Wir  dokumentieren ihn hier ebenfalls – nicht nur, weil das SÜT darin erwähnt wird ;-)

CSD in der Politikklemme?

67 % der homophoben Übergriffe gegenüber bisexuellen und schwulen Schülern wurden durch „Deutsche“ verübt, 22 % der Täter waren rechtsradikal. Diese Zahl bezieht sich auf 2007/2008. Sie stammt aus der gleichen Untersuchung von Maneo (Schwules Antigewaltprojekt in Berlin), die in dem Editorial der rik 6/2013 zitiert wird, um zu belegen, dass „die linke Schwulenbewegung“ das Problem muslimischer Täter ignoriert. In einer Auswertung im Maneo-Heft Impuls 02/2008 werden Jugendliche, die noch zur Schule gehen als die Gruppe identifiziert, die am stärksten von homophober Gewalt betroffen sind. Die Differenz in den Aussagen inklusive einer niedrigeren Zahl aus der Vorjahresbefragung (hier hatten 16,9 % aller 24.000 Befragten vermutet, dass die Täter nichtdeutscher Herkunft waren), machen deutlich, dass es hier nicht um Fakten, sondern um Wahrnehmungen und Einschätzungen geht, die je nach Fragestellung variieren.

Viel wichtiger jedoch ist, dass diese Zahlen keinen konkreten Nutzen haben, um Gewalt gegenüber Lesben, Schwulen und Trans* zu verhindern. Dass Migrant_innen und deren Nachkommen Teil der deutschen Gesellschaft sind und als solche ebenfalls Lesben, Schwule und Trans* diskriminieren, ist unstrittig und wird, anders als im Editorial der rik behauptet, längst in der konkreten Arbeit berücksichtigt. Die 15 Schulaufklärungsprojekte von SchLAu NRW haben sich zum Beispiel schon lange interkulturell geöffnet und erreichen über ihre Aufklärungseinsätze von der Hauptschule bis zum Gymnasium alle Jugendlichen. Projekte wie HỏMigra, das aus dem internationalen Treffpunkt baraka und der interkulturellen Arbeit des RUBICON entwickelt wurde, leisten Aufklärungsarbeit in Kooperation mit Migrantenorganisationen, ohne dabei in rassistische Stereotype zu verfallen.

Um Gewalt im öffentlichen Raum zu bekämpfen, ist die Frage, wo es zu Gewaltvorfällen kommt, viel wichtiger als die Frage, welche vermutete Herkunft die Täter haben. Die Forderung an Stadt und Polizei, hier in der Gewaltprävention die Belange von Lesben, Schwulen und Trans* zu berücksichtigen, ist nicht neu. Sie wird seit vielen Jahren von den wenigen Ehrenamtlern des Schwulen Überfalltelefons im LSVD, aber auch von der Landeskoordination der Anti-Gewalt-Arbeit für Lesben und Schwule vorgebracht. Um dieser Forderung in Köln Nachdruck zu verleihen, braucht es ein deutlich nachhaltigeres und breiteres Engagement der LSBT*-Community gegen Diskriminierung und Gewalt als bislang. Das eindeutige Votum der Mitglieder und Mitgliedsorganisationen im Kölner Lesben- und Schwulentag (KLuST) gegen Extremismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sowie die neue Orientierung der CSD-Parade 2013 bieten dafür eine gute Grundlage.

Alltagssprache ist homophob

Vielen Homosexuellen fällt es überhaupt nicht auf, wie oft sie im Alltag verbal angegriffen werden. Und viele wenden diese Art der Diskriminierung selbst an, weil es „doch nicht so schlimm ist”.

Welche Wunden verbale Angriffe hinterlassen können, wird deutlich wenn Homo- oder Transsexuelle beschließen, ihr Leben freiwillig zu beenden. Nicht immer lassen sich körperliche Gewalttaten in ihrer Vorgeschichte finden; allerdings immer verbale.

Um das Alltägliche dieser Angriffe deutlich zu machen, hat die Universität von Alberta einen Spiegel der sozialen Netzwerke aufgebaut. Dieser Spiegel zählt, wie oft homophobe Wörter bei Twitter benutzt werden.

„Faggot“ (Schwuchtel), „so gay“, „Dyke“ (Fotzenleckerin) & „no homo“ sind die Stichworte. Der Spiegel startet jeden Tag neu bei Null. Aber für diejenigen, die es im Alltag erleben, summieren sich die Beleidigungen. Bis es nicht mehr zum Aushalten ist.

Im Endeffekt ist es für sich persönlich besser, die Attacken nicht an sich heran zu lassen und als Lappalie abzutun. Doch noch besser wäre es, wenn jeder erkennt, dass er / sie mit solchen Ausdrücken normale Menschen verletzt.

Habt ihr verbale Gewalt erlebt? Dann zögert nicht uns anzusprechen! Montags von 19-21 Uhr am Telefon, oder jederzeit per Email oder dem Kontaktformular.

Hier folgt der direkte Link: http://www.nohomophobes.com

Anonyme Spurensicherung nach einer Sexualstraftat

Nach einer Sexualstraftat ist es wichtig, sich ärztlich untersuchen zu lassen. Man sollte auch Anzeige erstatten, aber manchmal fällt es Betroffenen schwer, diesen Schritt sofort zu gehen. Es ist jetzt möglich, Spuren sicherstellen zu lassen ohne die Notwendigkeit, sich gleich bei der Polizei zu melden.

Das Verfahren nennt sich „Anonyme Spurensicherung nach Sexualstraftat“ (ASS). Es wurde von einer Gruppe des Kölner Arbeitskreises „Gegen Gewalt an Frauen und Kindern“ in Kooperation mit dem Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln entwickelt und kann natürlich auch von Männern in Anspruch genommen werden.

So funktioniert es:

  • Sie suchen eines der umseitig genannten Krankenhäuser auf. Wenn Sie keine Anzeige erstatten möchten, bitten Sie um eine anonyme Spurensicherung.
  • Das Krankenhaus hält ein Spurensicherungsset bereit.
  • Der ärztliche Untersuchungsbericht mit Ihren Daten verbleibt im Krankenhaus. Die gesicherten Spuren (z.B. Kleidung, Spermaspuren) werden anonymisiert im Institut für Rechtsmedizin der Uniklinik Köln gelagert.
  • Sie unterschreiben eine Erklärung, dass Sie eine anonyme Spurensicherung und Lagerung bis zu zwei Jahren wünschen. Davon erhalten Sie eine Durchschrift. Vor Ablauf der zwei Jahre kann diese Frist auf Ihren Antrag hin verlängert werden.
  • Mit Hilfe der Chiffrenummer, unter der Ihre Spuren anonymisiert gelagert sind, können diese Ihnen/Ihren Akten bei einer späteren Anzeigenerstattung (im Zeitraum der Lagerung) zugeordnet werden.
  • Wenn Sie zu einem späteren Zeitpunkt eine Anzeige erstatten, weisen Sie darauf hin, dass die Tatspuren anonym gesichert wurden. Entbinden Sie den Arzt/die Ärztin von der Schweigepflicht, damit auch der damalige Untersuchungsbericht verwendet werden darf. Die Polizei kümmert sich dann um die notwendigen Schritte.
  • Erfolgt keine Anzeige und wird kein Antrag auf Verlängerung der Aufbewahrungszeit gestellt, werden die Spuren nach zwei Jahren vernichtet.

Nachzulesen im Infoblatt zu ASS. Es enthält auch Adressen von Krankenhäusern, bei denen die ASS durchgeführt werden kann. Männer sollten sich vor allem folgende Adresse merken:

Evangelisches Krankenhaus Köln-Weyertal gGmbh
(ASS für weibliche und männliche Opfer möglich)
Weyertal 76 • 50931 Köln
Tel. (0221) 479-0 Krankenhauszentrale