Lesben- und Schwulenhauptstadt?

Oft hört man, Köln sei Deutschlands Lesben- und Schwulenhauptstadt. Als Beleg wird die Größe des CSD genannt. Die Kommunalpolitik hat früher als in vielen anderen Städten – von ländlichen Kommunen ganz zu schweigen – begonnen, Belange von Lesben und Schwulen ernst zu nehmen. Seit Jahren gibt es eine Stadtarbeitsgemeinschaft für Lesben, Schwule und Transgender (StadtAG LST), die die Verwaltung berät und Miglieder von LST-Organisationen in verschiedene Ausschüsse schickt.

Köln ist aus diesen und anderen Gründen (z.B. Diversity-Programme bei großen Arbeitgebern) attraktiv für Menschen, die der Hetero-Norm nicht entsprechen, so dass deren Anteil in Köln den in der Gesamtbevölkerung Deutschlands um einiges übertreffen dürfte (mit noch mal einer deutlichen Steigerung an den Wochenden ;-)).

Aber was bedeutet das? Regieren wir Kölner*innen über Lesben, Schwule, Trans*-Menschen im Lande? Zwingen wir den hier lebenden Heteras und Heteros unseren Willen auf? Weder das eine noch das andere natürlich. Mehr noch bzw. weniger: Eine Trans*-Frau als Oberbürgermeisterin wirds so bald nicht geben, die Stadt tut nichts für die Durchsetzung moderner Beschäftigten-Rechte in kirchlichen Institutionen und, wie sich immer wieder zeigt, sind wir auch hier nicht stark genug, der Gewalt gegen LST und Menschen, die dafür gehalten werden, ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.

Stark genug sind wir, um Aufklärungs- und Präventionsarbeit zu leisten, auch mittels bezahlter Stellen und Anbindung an die Landesebene. Stark genug sind wir, uns und Szene-Neuankömmlingen ein vielfältiges selbstbewusstes Leben zu ermöglichen. Stark genug müssen wir nach wie vor sein, Bemerkungen und Blicke zu ertragen, wenn wir als Männer- oder Frauenpaar oder als geschlechtlich nicht eindeutig Identifizierbare in der Innenstadt unterwegs sind – in den Außenbezirken trauen sich eh nur die wenigsten, so deutlich erkennbar in der Öffentlichkeit aufzutreten.

„Zur lesbischen oder schwulen Lebensweise gehört es, Strategien des Umgangs mit der eigenen lesbischen oder schwulen Identität in einem (potentiell) homophoben Umfeld zu erlernen, um das Risiko einer möglichen Gewalt- oder Diskriminierungserfahrung zu reduzieren.“ Dieser Satz von Constanze Ohms gilt auch in Köln. Wir sollten es nicht vergessen, schon aus Gründen des Selbstschutzes. Aber wir sollten uns auch nicht damit abfinden.

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