Nicht mit uns!

Heute Morgen wurde ich von Google Alerts auf eine Pressemitteilung hingewiesen, deren Titel eigentlich schon alles sagt: Gewalt gegen Flüchtlinge: Kölner Freier Wähler will bessere Statistik statt Sonderrolle für Muslime

Torsten Ilg, in diesem Sommer aus der AfD zu den Freien Wählern übergetreten, Mitglied einer Kölner Bezirksvertretung sowie der Stadt-AG Lesben, Schwule, Trans*, unterstützt hier also nicht einfach die alte Forderung des SÜT nach Kriminalitätsstatistiken, die das Merkmal homo-/transphober Tathintergrund ausweisen, sondern versucht, ein populistisches Süppchen daraus zu kochen. Er mixt dazu fremdenfeindliche Ressentiments („Sonderrolle für Muslime“) mit der erst mal keineswegs unvernünftigen Forderung, Gewaltdelikte insgesamt differenzierter zu erfassen. Was er mit diesem wirren Sud letztendlich erreichen will oder wird… wie es bei populistischen Auftritten in Köln in der Regel so ist: wohl herzlich wenig. Hauptsache, eine in den Augen potenzieller Wähler*innen möglicherweise markig wirkende, noch schnell im alten Jahr rausgehauene Pressemitteilung.

Ärgerlich finde ich es, dass er versucht, das SÜT als Stichwortgeber zu missbrauchen. So schreibt er (oder lässt schreiben):

So ergeben sich in Köln beispielsweise durch Untersuchungen des „schwulen Überfalltelefons“ Hinweise, die eine Zunahme von religiös motivierter Gewalt gegenüber Homosexuellen vermuten lassen.

Ich hab mal nachgeschaut, was er damit meinen könnte, und habe in unserem Antigewalt-Bericht 2008 ein queer.de-Zitat gefunden, in dem Ergebnisse einer Studie an zwei Bremer Schulen unter dem Titel „Glaube fördert Schwulenhass unter Schülern“ zusammengefasst wurden. Aber das ist ja noch keine eigene Untersuchung. Und natürlich war nicht nur muslimischer Glaube gemeint, mal abgesehen davon, dass 2008 nicht so superaktuell ist und Bremer Schulen in Bremen liegen und nicht in Köln.

Im Sinne besserer Kriminalprävention haben wir tatsächlich mehrere Jahre lang versucht, das Tätermerkmal nichtdeutsche Herkunft zu erfassen. Das war nicht unumstritten und hat auch keine echten Erkenntnisse gebracht. Zum letzten Mal sind wir im Antigewalt-Bericht 2014 darauf eingegangen. Hier die Passage:

In vergangenen Jahren wurden bei Beratungsgesprächen Angaben zur (vermuteten) Ethnizität von Opfern und Täter*innen gemacht. Die dahinter stehende Fragestellung lautete: Geht homo- /transphobe Gewalt überproportional von Menschen mit (muslimischem und osteuropäischem) Migrationshintergrund aus? Dies konnte stets verneint werden. In manchen Jahren lag die Quote der solchermaßen Kategorisierten über der ihres Prozentsatzes an der Kölner Bevölkerung, was durch den hohen Jugendlichen-Anteil aber wieder relativiert wurde (bei den jüngeren Jahrgängen liegt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund über dem Gesamtdurchschnitt). Inzwischen fragen wir nicht mehr nach und erfassen nur noch spontane Äußerungen. Dadurch sind die Zahlen noch niedriger geworden. Da jede Kategorisierung Fragen aufwirft (wer ist „südländisch“, wer „deutsch“?) und unser Datenbestand ohnehin nicht sehr umfassend ist, werden wir in Zukunft darauf verzichten, zahlenmäßige Aussagen zu dieser Frage zu veröffentlichen, auch wenn wir wissen, dass der Mythos von der besonderen Gefahr durch Muslime weiterhin existiert. 2014 berichtete etwa ein Gewalt-Opfer, bei Gesprächen im privaten Umfeld sei stets gefragt worden, ob der Täter ein Mensch mit Migrationshintergrund gewesen sei (was nicht der Fall war). In Beratungsgesprächen zeigt sich, dass andersherum gerade die unausgesprochene Erwartung von homophobem Verhalten aufgrund des Merkmals „muslimischer Migrationshintergrund“ konfliktverschärfend wirken kann. Die Absage an entsprechende Klischees kann daher wohl als sinnvoller Beitrag zu einem stressärmeren Miteinander gesehen werden.

https://koeln19228.files.wordpress.com/2015/02/agb_suet2014.pdf,
Seite 10 („Ethnizität“)

Wir stehen Menschen, die bei uns Unterstützung suchen, grundsätzlich offen und solidarisch gegenüber. Ausgrenzung und Panikmache ist mit uns nicht zu haben. Und wir lassen uns vor kein populistisches Kärrlein spannen, nur weil es so aussieht, als würde da jemand unsere Forderungen vertreten!

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Die SÜT-Kartei

Köln, den 06.05.1997

Schwules Überfalltelefon Köln: Bitte melde Dich!

Das Schwule Überfalltelefon Köln ruft Ärzte, Rechtsanwälte, Therapeuten und Psychologen auf, sich in seine Datei aufnehmen zu lassen. Es ist auch für Hinweise dankbar, wenn jemand mit schwulen oder schwulenfreundlichen Personen aus diesen Gruppen positive Erfahrungen gemacht hat.

Das Schwule Überfalltelefon Köln des Schwulenverbandes in Deutschland (SVD) versucht zur Aktualisierung seiner Datei regelmäßig Namen und Adressen von Personen, Personengruppen und Institutionen zu erhalten, die im Bereich der Opferhilfe als Ansprechpartner dienen könnten.
Um einen größeren Adressatenkreis zu erreichen, wenden wir uns jetzt auch auf diesem Weg an interessierte Personen.
Das Schwule Überfalltelefon Köln berät Personen, die Opfer einer antischwulen Gewalttat geworden sind – kostenfrei und auf Wunsch anonym. Wir bieten Entlastungsgespräche, telefonische und persönliche Beratung, Hilfe bei der Verarbeitung der Gewalterfahrung und der Wiederherstellung des Sicherheitsgefühls.
Wir informieren über Ansprechpartner bei der Polizei, über Möglichkeiten einer Anzeige, begleiten auf Wunsch zu Polizei und Behörden und dokumentieren das Ausmaß von Gewalt gegen Schwule.

Interessierte wenden sich bitte an das Schwule Überfalltelefon Köln unter Tel. (0221) 19 228, um dort in die Datei aufgenommen zu werden bzw. zu klären, ob sie dort bereits geführt werden.

Bei Bedarf gibt das Schwule Überfalltelefon Köln diese Informationen an Opfer antischwuler Gewalttaten weiter.

Grade in einem alten Ordner entdeckt, diese Briefvorlage von 1997 – eigentlich immer noch aktuell. Nur dass der SVD jetzt LSVD heißt und es längst nicht mehr nur um Gewalttaten gegen Schwule geht.

Also, Ärzt_innen, Rechtsanwält_innen, Therapeut_innen und Psycholog_innen, und gerne auch Mediator_innen (an die hat man 1997 noch nicht gedacht), mit Einblick in und Verständnis für queere Lebenswelten, schreibt uns! :-)

Rückblick auf mehr als zwanzig Jahre

Ralf Syben, einer der Gründer des SÜT Köln, erinnert sich:

Meine Mitarbeit  beim SÜT-Köln begann schon einige Jahre früher. Im Jahr 1990 war ich Sprecher der SCHWUSOS in Köln und es gabe einige Morde und Gewalttaten an Schwulen in Köln und die Polizei suchte die Täter wie immer im Milieu. Dass dies Hassverbrechen sein könnten, kam der Polizei nicht in den Sinn. Also schrieb ich, als Sprecher der Kölner SCHWUSOS eine Pressemitteilung unter dem Titel „Wie viele Schwule müssen noch sterben?“. Diese Pressemitteilung wurde zwar nie veröffentlicht, veranlasste aber die Kölner Polizei das Gespräch mit den Kölner Lesben und Schwulen zu suchen. Es fand dann im SCH.UL.Z., in der Bismarckstraße 17 eine erste, sehr emotionale Diskussionsrunde mit der Kölner Mordkommission statt. Daraus entwickelte sich mit den Jahren eine Zusammenarbeit mit der Kölner Polizei und dem LKA NRW.

Die Zustimmung in der Kölner Szene war zuerst sehr zurückhaltend, man misstraute der Polizei aus den Erfahrungen früherer Jahre. Gewalttaten gegen Schwule und Lesben wurden nicht ernst genommen und auch nicht gesondert erfasst, wenn sie überhaupt angezeigt wurden.

Besondere Erfolge gab es einige. Da war zu einem die Förderung des Anti-Gewalt-Projektes durch die Landesregierung NRW, die vieles möglich machte. Die gute Zusammenarbeit mit dem Info Center der Kölner Polizei, damals noch unter dem Polizei-präsidenten Jürgen Roters. Die Gründung einer Arbeitsgemeinschaft schwuler und lesbischer Polizeibeamten/innen. Die Entwicklung des Slogans „Mann ruf an – 19228“ und die Kooperation mit dem LKA-NRW, deren Resultat die Plakat-Kampagne „Liebe Verdient Respekt“ war, sowie die Schaffung des „Info-Mobils des LKA-NRW“.

Das SÜT-Köln und der SVD (heute LSVD) waren der Motor einer bundesweiten Anti-Gewalt-Arbeit, die in der Zusammenarbeit mit mehreren Projekten (Mann-O-Meter in Berlin z.B.) mündeten und auch in der der Opferbetreuung neue Kontakte brachte. Die Einrichtung einiger Überfalltelefone unter der bundesweiten Rufnummer 19228 war auch ein großer Erfolg.

Volker Beck und Günter Dworek lernte ich 1990 kennen, als sie den SVD-NRW als ersten westlichen Landesverband ins Leben riefen. Sie suchten damals Mitstreiter und so wurde ich Landessprecher des SVD-NRW, mit dem Schwerpunktthema „Anti-Gewalt-Projekt“. Dies blieb ich bis Ende 1997, als klar wurde, das ich Deutschland verlassen werde. Gerne erinnere ich mich an die fruchtbare Zusammenarbeit und manche turbulente Vorstands-sitzungen oder die ergebnisreichen Klausurwochenenden. Wir haben es Volker Beck und Günther Dworek und deren unermüdlichen Einsatzes zu verdanken, dass Anti-Gewalt-Arbeit durch die Politik gefördert wurde. In diesem Zusammenhang ist auch Jaques Teyssier nicht zu vergessen, dessen Tod mich sehr getroffen hat.

Auch im Jahre 2012 ist eine Beratungsstelle für Opfer antischwuler Gewalt wichtiger denn je. Gerade in der heutigen Zeit haben Anfeindungen gegen Lesben und Schwule wieder zugenommen. Deutschland ist von der Gleichberechtigung von Lesben und Schwuler noch sehr weit entfernt und die Aufklärungsarbeit muss nicht nur in Schulen und Jugendeinrichtungen getragen werden, sondern auch in die Szene. Wir waren damals in schwulen Saunen, um die Opfer zu Anzeigen zu bewegen, was leider nicht immer von Erfolg gekrönt war.

Nun wünsche ich den Überfalltelefonen für die nächsten 20 Jahre alles Gute.

Ralf Syben
Maspalomas/Gran Canaria Januar 2012

2004: Konzeptvorlage für eine bundesweite Dokumentationsstelle

Der Wunsch nach bundesweiter Dokumentation antischwuler Gewalt zieht sich durch die Geschichte des SÜT Köln. Hier ein Dokument aus dem Jahr 2004: Konzeptvorlage zur Einrichtung einer bundesweiten Dokumentationsstelle antihomosexueller Gewalt

Nach wie vor bleibt es bei einem regional recht unterschiedlich ausgeprägten Flickenteppich an Informationen über das konkrete Ausmaß von Gewalt gegen LGBTI, für Köln etwa die jährlichen Antigewalt-Berichte des SÜT.

 

September 1992: Aus Mai wird Oktober

In einer Pressemitteilung vom 18. September 1992 wird das SÜT erneut angekündigt sowie ein Antidiskriminierungsgesetz gefordert:

Ab 1. Oktober wird der Nordrhein-westfälische Schwulenverband (SVD-NRW) mit der Einrichtung eines Überfalltelefons (unter der Rufnummer 0221 – 19228) seine Aktivitäten zur Bekämpfung antischwuler Gewalt verstärken.
(…)
Nach neuesten soziologischen Untersuchungen über Einstellungen zur Homosexualität in der Bevölkerung befürworten über ein Drittel der Befragten repressive staatliche Maßnahme gegen Homosexuelle. 15 % bekennen sich als Schwulenhasser, die ein strafrechtliches Verbot der Homosexualität und sogar die Kastration der Schwulen fordern. Das ist der Nährboden, auf dem die Gewalt wächst.

Angesichts allgemein zunehmender Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft müssen Staat und Polititk schwulenfeindliche Einstellungen aktiv bekämpfen. Der Schwulenverband in Deutschland (SVD) fordert die Einführung von Antidiskriminierungsgesetze für Schwule und Lesben im Bund und auf Landesebene, wie diese bereits in einigen europäischen Nachbarländern existieren.

März 1992: Ein „Gewalttelefon“ als Baustein des Kölner Modells

Pressemitteilung des SVD (aus dem später der LSVD wurde) vom März 1992:

Wir gehen davon aus, daß ca. 25 % der schwulen Männer wegen ihrer Homosexualität bereits mindestens einmal Opfer von Gewalttätern wurden. Das Ausmaß der Gewalt gegen Schwule ist auch in Köln erschreckend. Nicht nur an Schwulentreffpunkten oder vor schwulen Kneipen kommt es zu brutalen Überfällen. Auch auf offener Straße oder in der U-Bahn werden Männerpaare immer wieder angepöbelt und zusammengeschlagen. Gezielt gegen Schwule gerichtete Gewalt umfaßt auch Raubüberfälle und Erpressung, mitunter sogar Totschlag und Mord.

Diese Gewalt wurde lange Zeit von Gesellschaft und Behörden kaum beachtet. „Schwulenklatschen“ zählte als Kavaliersdelikt. Über das gesamte Ausmaß der Gewalt in Nordrhein-Westfalen und speziell Köln gibt es bislang keine genauen Daten. Aus Angst vor Diskriminierung und aus Scham bewahren die Opfer meist Schweigen. Rund 90 % der antischwulen Gewalttaten werden nicht angezeigt.

Vor zwei Jahren wurde in Köln begonnen, durch gemeinsame Gesprächsrunden ein besseres Klima zwischen Polizei und Schwulen zu schaffen. Dieser Weg wird mittlerweile als modellhaft für Nordrhein-Westfalen angesehen.

Im Mai wird vom Schwulenverband in Köln ein Gewalttelefon installiert, wo Opfer antischwuler Gewalttaten Rat und Hilfe erhalten. Die damit verknüpfte – selbstverständlich anonyme – Dokumentation wird auch genauere Anhaltspunkte über das Ausmaß antischwuler Gewalt liefern.

Nötig sind aber auch weitere vertrauensbildende Maßnahmen von Seiten der Polizei. Wir fordern nach Berliner Vorbild die Einrichtung eines Schwulenbeauftragen im Polizeipräsidium. Zum Abbau von Vorurteilen und zum besseren Verständnis schwuler Lebensweise soll die Themen antischwule Gewalt und Homosexualität in die Fortbildungsangebote für Polizisten aufgenommen werden.

Das SÜT Köln wird zwanzig

1992 entstand das Schwule Überfalltelefon Köln im Rahmen der Präventionszusammenarbeit des Schwulenverbandes NRW und der Kölner Polizei. Nach dem 1990 entstandenen Berliner MANEO war es das zweite SÜT in Deutschland.

Seitdem ist viel passiert. Daran wird unsere kleine Reihe 20 Jahre SÜT in den kommenden Monaten immer wieder erinnern.

Erkenntnisreiche Lektüre – sowie natürlich ein wunderbares 2012 – wünscht das SÜT-Team :-)