Jede Menge Luftballons

IDAHOT 2015, 14 Uhr Roncalliplatz
… steigen am Sonntag um 14 Uhr auf dem Kölner Roncalliplatz in den Himmel. Das Ganze hat schon Tradition, und nicht nur in Köln: Am 17. Mai 1990 strich die Weltgesundheitsbehörde Homosexualität aus der Liste der psychischen Krankheiten. Seitdem gilt man nicht mehr als behandlungsbedürftig, weil man Menschen des gleichen Geschlechts liebt. Seit 2005 wird dieser bedeutende Schritt in eine Welt ohne Trans- und Homophobie in vielen Ländern der Welt gefeiert. Gleichzeitig wird natürlich immer daran erinnert, dass der Weg noch weit ist. Aber die Luftballons sind einfach leicht und bunt und es ist ein bewegendes Gefühl, sie loszulassen und empor steigen zu sehen.

In Deutschland galt der 17. Mai schon früher als „Tag der Schwulen“, allerdings nicht im Sinne eines zu feiernden Ereignisses, sondern eher als Anspielung mit oft hämischem Augenzwinkern. Die Ziffern 1, 7 und 5, aus denen das Datum sich zusammensetzt, erinnern an den Paragrafen 175, nach dem viele Jahre lang in Deutschland Männer verfolgt wurden, die Liebesbeziehungen oder einfach Sex mit anderen Männern hatten. Dieser Paragraf wurde in der DDR 1988 abgeschafft. In der BRD bestand er in abgeschwächter Form noch bis 1994. Bei der Wiedervereinigung also ein deutlicher rechtlicher Rückschritt für die in Ostdeutschland lebenden Schwulen. Das führte zur Gründung des SVD, aus dem später der LSVD wurde.

Und was hat das alles mit Trans* zu tun? Transgender, Transvestiten, Transsexuelle aller Geschlechter sind immer Teil der lesbisch-schwulen Szene gewesen. Sie standen oft an vorderster Front, wenn es um die Erringung von Bürgerrechten ging. Meist führen sie zumindest zeitweise homosexuelle oder als homosexuell wahrgenommene Beziehungen. Im LSVD sind sie aktiv, auch wenn der Name (Lesben- und Schwulenverband in Deutschland) es nicht nahelegt. Die Berliner Beratungsstelle LesMigras macht zum IDAHOT in diesem Jahr auf die Lebensrealitäten von Trans*-Menschen aufmerksam, die aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind und sich neben Trans*-Feindlichkeit auch mit weiteren Diskriminierungsformen wie Rassismus und Antisemitismus herumschlagen müssen (Presseerklärung im PDF-Format)

Am Sonntag um 14 Uhr ist es so weit: Bunte Ballons fliegen hoch als Sinnbild für eine Welt, die Vielfalt schätzt und nicht fürchtet. Jede*r ist herzlich eingeladen, dabei zu sein.

Lesben- und Schwulenhauptstadt?

Oft hört man, Köln sei Deutschlands Lesben- und Schwulenhauptstadt. Als Beleg wird die Größe des CSD genannt. Die Kommunalpolitik hat früher als in vielen anderen Städten – von ländlichen Kommunen ganz zu schweigen – begonnen, Belange von Lesben und Schwulen ernst zu nehmen. Seit Jahren gibt es eine Stadtarbeitsgemeinschaft für Lesben, Schwule und Transgender (StadtAG LST), die die Verwaltung berät und Miglieder von LST-Organisationen in verschiedene Ausschüsse schickt.

Köln ist aus diesen und anderen Gründen (z.B. Diversity-Programme bei großen Arbeitgebern) attraktiv für Menschen, die der Hetero-Norm nicht entsprechen, so dass deren Anteil in Köln den in der Gesamtbevölkerung Deutschlands um einiges übertreffen dürfte (mit noch mal einer deutlichen Steigerung an den Wochenden ;-)).

Aber was bedeutet das? Regieren wir Kölner*innen über Lesben, Schwule, Trans*-Menschen im Lande? Zwingen wir den hier lebenden Heteras und Heteros unseren Willen auf? Weder das eine noch das andere natürlich. Mehr noch bzw. weniger: Eine Trans*-Frau als Oberbürgermeisterin wirds so bald nicht geben, die Stadt tut nichts für die Durchsetzung moderner Beschäftigten-Rechte in kirchlichen Institutionen und, wie sich immer wieder zeigt, sind wir auch hier nicht stark genug, der Gewalt gegen LST und Menschen, die dafür gehalten werden, ein für alle Mal ein Ende zu bereiten.

Stark genug sind wir, um Aufklärungs- und Präventionsarbeit zu leisten, auch mittels bezahlter Stellen und Anbindung an die Landesebene. Stark genug sind wir, uns und Szene-Neuankömmlingen ein vielfältiges selbstbewusstes Leben zu ermöglichen. Stark genug müssen wir nach wie vor sein, Bemerkungen und Blicke zu ertragen, wenn wir als Männer- oder Frauenpaar oder als geschlechtlich nicht eindeutig Identifizierbare in der Innenstadt unterwegs sind – in den Außenbezirken trauen sich eh nur die wenigsten, so deutlich erkennbar in der Öffentlichkeit aufzutreten.

„Zur lesbischen oder schwulen Lebensweise gehört es, Strategien des Umgangs mit der eigenen lesbischen oder schwulen Identität in einem (potentiell) homophoben Umfeld zu erlernen, um das Risiko einer möglichen Gewalt- oder Diskriminierungserfahrung zu reduzieren.“ Dieser Satz von Constanze Ohms gilt auch in Köln. Wir sollten es nicht vergessen, schon aus Gründen des Selbstschutzes. Aber wir sollten uns auch nicht damit abfinden.